Beim erstem Grauen des Tages setzten wir unsere Reise weiter fort und traten wenige Stunden später in die Mancha ein. Eine endlose unermeßliche Ebene, wo das Auge nirgends einen Ruhepunct findet, ohne Baume, ohne Cultur, fast ohne Menschen! — Von Stunde zu Stunde wird das Land öder, wüstenartiger; man sieht häufig nichts als das nackte, von der Sonnengluth aufgesprungene, mit rothem Staub bedeckte Erdreich, von einzelnen gelben Disteln überstreut, oder große Strecken niedrigen, schwarzgrünen, kaum fußhohen Strauchwerks, nur selten ein Getreidefeld. Keine Spur von Wasser, höchstens ein versumpfter Bach; einzelne, von Ruinen umringte, erdfahle Ortschaften, aus einstöckigen Hütten bestehend, meilenweit von einander entfernt! Am Morgen, wenn man das Nachtquartier verläßt, gewahrt man oft schon in nebliger Ferne den Thurm des Ortes , wo man die nächste Nacht zubringen wird, und reist den ganzen Tag, Meile um Meile, ohne ihn zu erreichen. Und kommt die Diligence in ein Dorf oder Städtchen, so wird sie von einer Menge zerlumpten Volks umringt, das mit lautem Geheul die Reisenden um Almosen anfleht. Gebrechliche Greise, in schwarze Schaffelle gekleidet, blödsinnige, schmutzige Weiber, die mit ihren nackten Kindern vor den Reisenden auf die Kniee stürzen, Blinde und Krüppel aller Art hängen sich an die Schritte des Fremden: Alles bettelt, Alles schreit nach Brod!

Und diese hageren Gestalten mit bleichen verhungerten Gesichtern voll von düsterer Melancholie und stupider Gleichgültigkeit, in grobes dunkelbraunes Naturtuch vom Kopf bis zum Fuß gekleidet, den Leib mit einer dunkel blauen Schärpe umwickelt, auf dem Haupte eine aus rohem Schaffell verfertigte Montera; diese zerlumpten Weiber und nackten Kinder, die sich in den staubigen Gassen herumtreiben oder an den Eingängen der fensterlosen, höhlenartigen Häuser beisammenhocken: — welchen grauenvollen Contrast bildet dieses lebendige Gemälde des allgemeinen Verfalls und Elends gegen die reichbevölkerten und wohlhabenden Provinzen von Valencia mit ihren üppigen Gefilden, ihren freundlichen reinlichen Ortschaften, ihren lebenslustigen intelligenten Bewohnern! — Aber trotz des jammervollen Bildes, welches namentlich dieser Theil der Mancha baja (untere Mancha) darbietet, übt diese Provinz doch einen eigenthümlichen Reiz auf den Reisenden aus. Wenigstens ist es mir so ergangen, der ich in dieser dürren Wüste mehr Poesie finde als in der reichbebauten Ebene von Leipzig, obwohl ich wahrlich nicht in der Mancha leben möchte. Aber einen großartigen Eindruck macht sie, diese endlose braune Steppe, über der rings am Horizont ein schwefelblauer Höhenrauch lagert, der unmerklich mit dem Blau des hier fast stets wolken- und regenlosen Himmels verschwimmt. Man glaubt sich auf einem erstarrtem Ocean zu befinden!

Dann und wann taucht ein zerborstener Wartthurm aus der Ebene auf und mahnt an eine ferne blutige Vergangenheit. Oder es zeigt sich ein einsamer Hirt, unbeweglich wie eine Statue auf seinen gekrümmten Hirtenstab gelehnt, umringt von einer Heerde braunwolliger Schafe. Von Zeit zu Zeit ertönt der helle Ton einer Blechglocke und eine Wolke aufwirbelnden Staubes verkündet eine Karavane von Arrieros, welche von Madrid kommen, um den Provincialstädten die nöthigsten Gegenstände der Civilisation zuzuführen oder Getreide aus Kastilien nach der Küste zu bringen. Ein solcher Zug von Arrieros , die immer in größerer Anzahl zu reisen pflegen, um sich gegenseitig gegen etwaige Raubanfälle zu schützen, erinnert an die Caravanen des Orients. Häufig besitzt ein einziger Arriero zehn bis fünfzehn Lastthiere und da sich oft eine Menge vereinigen, so nimmt manchmal ein solcher Zug kein Ende. Voraus geht die Delantera, ein stattliches Maulthier mit einer großen Blechglocke am Halse, dem die übrigen Maulthiere und Esel willig folgen. Häufig sind die Thiere auch an einander gekettet. Das Riemenzeug ist mit einer Menge von Troddeln und Franzen von schwarzer, rother und gelber Wolle verziert, so daß man oft kaum die Augen des Thieres sieht. Am Ende des Zugs folgen die Arrieros auf besseren Maulthieren oder Pferden, deren aus vielen bunten Wollendecken bestehender Sattel ebenfalls mit fußlangen Franzen besetzt ist und von dessen rechter Seite an einem eisernem Ringe die lange Escopeta oder der weitmündige Trabuco herabhängt.

Die Arrieros sitzen meist der Queere auf dem Pferde, a la contrebandista, und verkürzen sich den langweiligen Weg durch Improvisiren von Versen, welche sie nach der eintönigen Melodie des Fandango singen, oder durch alte Balladen, die sie mit aller Kraft ihrer Lunge in unharmonischen Tönen in die Luft hinausschreien.

Diejenigen, welchen man auf dieser Straße begegnet, sind meist Bewohner von Valencia und Castilien. Letztere kleiden sich wie die Manchegos in kurze Jacken, kurze Beinkleider und Gamaschen mit einer Reihe blanker Knöpfe, Alles von dunkelbraunem Tuch, tragen aber anstatt der Sandalen unförmliche lederne Schuhe, eine rothwollene Schärpe und einen breitkrämpigen flachen Filzhut. Je baumloser und steriler die Gegend von Albacete an gewesen war, desto angenehmer überraschte uns Nachmittags ein ausgedehntes Gehölz alter Pinien. Ein solcher Pinienwald mit seinen fast gleichhohen, zusammenstoßenden, luftigen Kronen sieht aus wie ein immenser grüner, auf schlanken Säulen ruhender Baldachin. Inmitten dieses Hains liegt die Venta del Pinal, ein ebenfalls auf königlichen Befehl erbauter großer Gasthof, in dessen hochgewölbtem Speisesaal wir uns ein Viertelstündchen von der Hitze des Tages erholten und uns an frischem Wasser und Orangen erfrischten, was man Beides hier verkaufte. Aehnliche bunte Bilder wie im Gasthofe zu Albacete erinnerten mich von Neuem an die unsterbliche Dichtung des größten der spanischen Schriftsteller. Wirklich hat Cervantes einen mächtigen poetischen Zauber den verbrannten Fluren der Mancha zu verleihen gewußt, welcher mancher andern durch Natur, Kunst und Geschichte bevorzugten Provinz Spaniens fehlt. Kaum findet man an der von Valencia nach Madrid führenden Straße ein Dorf, wo der Mayoral oder Zagal nicht eine lustige Anekdote aus Don Quijotes Leben zu erzählen wüßte, und aller Augenblicke ist es, als müsse man den Ritter von der traurigen Gestalt mit seinem Sancho Pansa über die braune staubige Fläche herbeigaloppiren sehen. Hierzu kommt, daß die Schilderungen des spanischen Dichters noch so genau auf die jetzigen Zustände der Mancha passen, als wären sie erst gestern geschrieben worden, denn Trachten, Sitten, Ventas, kurz, Alles ist noch so wie zu Cervantes Zeit.

aus Moritz Willkomm: Zwei Jahre in Spanien und Portugal, 1847

Während Willkomm nach Nordosten Richtung Madrid aufbricht, verlasse ich für eine Weile seine Route und wende mich nach Westen. Wer Willkomms Erlebnisse in und seine ausführlichen Informationen über Madrid nachlesen will, kann das hier tun: https://play.google.com/books/reader?id=Fj0LAAAAYAAJ&pg=GBS.PR12&hl=de

er widmet die Kapitel Sieben, Acht und Neun dieser Stadt. Wir werden wieder im Kapitel Zehn auf Moritz treffen.

Ich fahre auf dem Radweg aus der Stadt Albacete. Schon nach 10 km habe ich am Vorderrad einen Platten, wieder hat sich ein Dorn durch den Reifen gearbeitet. Das Reparieren geht schon etwas schneller.

Nach Albacete wird es sehr eben und unendlich weit. Ich bin froh, auf der Strasse zu fahren, denn auf Schotterpisten durch diese Weite zu pedalen wäre mühsam.

Der Weg führt durch Santa Ana, über das Aquaedukt Trasvase Tajo Segura (Tajo-Segura-Kanal)   nach Balazote, wo es schon wieder hügelig wird. Es geht durch Tiriez, an Lezuza vorbei und ich erreiche Munera gegen 13 Uhr. Ich kann in meinem Hotel einchecken, um 14 Uhr öffnet der Speisesaal für das Mittagessen, auch hier gibt es ein Tagesmenü für 15€.

Das Hotel heisst Bodas de Camacho (Camachos Hochzeit) und bezieht sich auf eine Geschichte aus dem zweiten Band des Don Quijote.

Am Nachmittag spaziere ich zum Schwimmbad. Die Stadt Munera mit 3400 Einwohner hat tatsächlich einen 50 m olympischen Pool, und es schwimmt sich gut da. Es ist ruhig und hat genug Platz, nur hat es keine Bahntrenner, darum ist Rückenschwimmen etwas schwierig, wenigstens für mich.