Das Dorf Visillo ist der erste Ort der Sierra Morena und mithin auch Andalusiens, indem gegenwärtig die Sierra Morena zu den Provincen Andalusiens gerechnet wird. Früher bildete dieses eigenthümliche Gebirge einen besondern District und zwar einen sehr natürlichen, denn weder das Land noch seine Bewohner haben etwas mit Andalusien gemein, worüber ich mich später ausführlicher zu erklären Gelegenheit haben werde. Da die Gebirge, die mir bisher im südlichem Spanien zu Gesicht gekommen waren, sich durch ihre große Kahlheit und ihre schroffen Formen auszeichnen, so wurde ich recht angenehm beim Anblick der sanftgerundeten, von immergrünem Gebüsch dicht bekleideten Kuppen der Sierra Morena überrascht, die eben hiervon ihren Namen erhalten haben mag, weil von fern dieses dichte Gebüsch ihr eine schwarzblaue Farbe giebt. Zwischen den allmälig zu langgestreckten Kämmen sich verschmelzenden Waldhügeln, aus denen hier und da zerstreute Gruppen grauer Schieferfelsen emporragen, gelangten wir schnell auf der hier vortrefflich unterhaltenen Straße nach der im Thale des Rio Magana gelegenen Venta de Cardenas, die durch Hunderte von Guerillakämpfen alter und neuer Zeit, sowie als ein Lieblingsaufenthalt des berüchtigten Räuberhäuptlings Jose Maria, jenes chevaleresken Banditenchefs, der nach dem Befreiungskriege in diesen Gegenden hauste und noch in den Liedern des Volkes lebt, eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

Von ihm erzählte uns der Wirth, während die Pferde gewechselt wurden, eine lustige Geschichte, die in dieser Venta passirt sein soll. Nachdem man sich lange Zeit vergeblich bemüht hatte, Jose Marias habhaft zu werden, ward ein sehr bedeutender Preis auf seinen Kopf gesetzt. Ein armer Teufel von Officier, der lange auf eine Beförderung gewartet haben mochte und in Visillo mit einer Compagnie Soldaten im Quartier lag, um die Straße gegen die Räuber zu schützen, bekommt durch einen seiner Spione die Nachricht, daß sich Jose Maria in die Nähe von Santa Helena begeben habe. Um sich den fetten Bissen nicht entgehen zu lassen, bricht er schnell mit den entschlossensten seiner Soldaten auf, damit ihm der in Carolina liegende Officier nicht zuvorkommen möge. Da es aber sehr heiß war und der Herr Lieutenant eine durstige Kehle besaß, so kehrte er mit seinen Leuten einen Augenblick in die Venta de Cardenas ein. Es ist außer dem Wirth Niemand zu gegen als ein elegant gekleideter Majo, welcher die Eintretenden sehr freundlich begrüßt und sie mit ächt andalusischer Geselligkeit einladet, mit ihm eine gute Flasche Valdepeñas zu trinken. Dem Officier war dies gerade recht, indem er auf diese Weise nicht genöthigt war, in seinen eigenen Beutel zu greifen, der nicht schwer wiegen mochte. Wie von selbst wendet sich das Gespräch auf Jose Maria, und als der feurige Wein mehr und mehr die Zungen gelöst hatte, erzählt der Officier den Zweck seines Zuges und bittet den Majo, ihm einen guten Rath zu geben, wie er sich wohl den ausgesetzten Preis am sichersten verdienen könne. „O, mein Herr, nichts leichter als dies!“ ruft der Fremde lachend, indem er aufsteht, und setzt mit großem Nachdruck hinzu: „Ich bin Jose Maria!“ — Der gute Lieutenant und seine Soldaten waren durch diese unerwartete Eröffnung dermaßen verblüfft, daß ihnen der Mund offen stehen blieb; Jose Maria aber ergriff ganz ruhig seinen Trabuco und schritt, die allgemeine Perplexität seiner Feinde benutzend, unaufgehalten zur Thüre hinaus. Er hat später noch lange in der Sierra Morena gehaust, indem das Volk ihn schützte, da er blos reiche und vornehme Leute plündert, ja einen großen Theil der geraubten Güter unter die Armen vertheilte. Auch konnte sich die bewaffnete Macht seiner niemals bemächtigen, sondern er fiel zuletzt durch die Hand seines eigenen Schwagers, welcher ihn, ich glaube aus Eifersucht, ermordete.

Diesen berühmten „Bandolero“ hatten wir nun zwar nicht mehr zu fürchten; allein es machte gerade zu jener Zeil ein anderer nicht minder famoser Räuberchef diese Gegend unsicher, Namens Francisco Navarro, welcher erst vierzehn Tage früher die madrider Diligence in der Sierra Morena beraubt hatte. Ebendeshalb waren wir aber ziemlich sicher, nicht angefallen zu werden, obwohl wir uns in einer etwas bedenklichen Lage befanden, weil unter der Reisegesellschaft ein Graf aus Granada mit seinen Töchtern war, ein Umstand, welcher die Habgier der Räuber, die immer sehr wohl von dem Reisepersonal unterrichtet zu sein pflegen, wohl reizen könnte. Dies benutzend rüsteten sich unsere Escopeteros mit einiger Ostentation zum Kampfe und bestrebten sich, uns entsetzlich Angst zu machen, wohl aus keinem anderm Grunde, als um später ein tüchtiges Trinkgeld erpressen zu können. —

Gleich hinter der Venta de Cardenas verengen die zusammenrückenden Berge das Thal des Magana bedeutend, bis es sich eine gute Viertelstunde weiter hin in eine schmale gewundene Schlucht verwandelt, welche den prachtvollen Felsenpaß des Puerto de Despenaperros bildet, die großartigste Partie der ganzen Sierra Morena. Riesige Schieferfelsen umgürten in den bizarrsten Formen beide Seiten der Schlucht, in deren dunkler Tiefe der Magana schäumt, und nur mit großem Kostenaufwand war es möglich, eine Straße durch diesen über eine Viertelstunde langen Paß zu legen. Dieser großartige Bau stammt aus der Regierung Carls III. und ist das am besten unterhaltene der ganzen von Madrid nach Andalusien führenden Heerstraße, die oft, namentlich in der Mancha, kaum den Namen einer Straße verdient. Die Chaussee ist gänzlich in die Felsen der rechten Thalwand gesprengt und durch wahre Festungsmauern nach dem Abgrund zu geschützt. Der Paß von Despenaperros, berüchtigt durch manchen Raubanfall und durch manche Mordthat, ist das Thor von Andalusien und hat als solches in militärischer Hinsicht immer eine große Wichtigkeit besessen. Eine Zeit lang läuft die Straße noch in dem sich allmälig erweiterndem Flußthale fort, worauf sie in großen Schneckenwindungen zu einem hohem Bergkamme emporsteigt, an dessen südlichem Abhang Santa Helena liegt, die erste der von Carl III. in der Sierra Morena gegründeten schwäbischen Colonieen.

Das Thal des Magana ist von der üppigsten Vegetation erfüllt, wie ich sie bis dahin in spanischen Gebirgen noch nicht angetroffen hatte. Erlen, Ahorne und Eichen verschiedener Art bilden einen dichten Wald und die hier gänzlich verwilderte Weinrebe schlingt sich in den malerischsten Gewinden von Baum zu Baum, umstrickt häufig einen oder den andern von der Wurzel bis zum Gipfel und bildet dadurch höchst malerische Gruppen. Das saftige dunkle Grün, welches über alle diese unzähligen Wellenberge wie ein smaragdener Teppich ausgebreitet ist, macht nach den dürren und kahlen Fluren der castilianischen Hochebene einen äußerst wohlthätigen Eindruck auf das Auge, obwohl es bei einem längerem Aufenthalt in diesem ungemein einförmigen Gebirge ebenfalls ermüdet und langweilig wird.

Bei Santa Helena eröffnet sich die erste Aussicht auf die wonnigen Gefilde Andalusiens. Während die Maulthiere gewechselt wurden, schwelgte ich in dem reizendem Gemälde, das sich vor mir entrollte, und mein Herz schlug lauter bei dem Gedanken, daß ich mich endlich in diesem heiß ersehntem Lande befände, wo es fast kein Dorf, kein Haus, kein Thal giebt, das nicht historisch merkwürdig, welches nicht der Schauplatz eines romantischen Kampfes und der Gegenstand einer Ballade geworden wäre!

Von hier an ist die Sierra Morena blos eine sanft abfallende Hochebene, von lang gestreckten Höhenzügen durchfurcht, die allmälig in das wellenförmige Terrain übergeht, welches den rechten Ufersaum des Guadalquivir bildet. Cactus- und Aloehecken riefen mir in den Umgebungen von Carolina zu, daß ich mich zum zweitem Male in einem subtropischem Clima befände. Von hier an bis Baylen gleicht das Land einem Garten! Olivenplantagen, Weingärten, Maulbeer- und Mandelbaumpflanzungen, Mais- und Gemüsefelder, umringt von den üppigsten Hecken, durchwebt von zahllosen Schlingpflanzen, verhindern die Aussicht; die Straße ist zum Theil mit schattigen Ulmenalleeen geschmückt, überall eine Fülle von Bäumen. Man glaubt zu träumen oder durch Zauberei in ein fernes Land versetzt zu sein und kann es kaum begreifen, daß nur ein Raum von wenigen Leguas zwischen dieser üppigen Gegend und den unwirthbaren Fluren der Mancha liegt.

Es war Mittag, als wir in der königlichen Carolina anlangten, der größten der schwäbischen Colonieen. Sie ist ein offener, symmetrisch gebauter Ort von städtischem Ansehen, dessen meist einstöckige Häuser jedoch der Balcons entbehren und deshalb mehr an eine nordische Stadt erinnern. Das einzige erwähnenswerte Gebäude, welches die Colonie besitzt, ist der königliche Justizpalast, ein Gebäude von edler Architektur, dessen Frontispiz eine vergoldete Königskrone ziert. Neben demselben steht die ganz unbedeutende und geschmacklos decorirte Kirche des Orts. Die Alameda , durch welche die nach Andalusien führende Straße geht, ist sehr schlecht erhalten trotz der herrlichen Aussicht, die sie über die das Thal des Guadalquivir einschließenden Vorberge und über die malerischen Felsgebirge von Jaen darbietet. Carolina liegt in einer geräumigen doch wasserlosen Ebene und nur dem unermüdlichem Fleiß der deutschen Anbauer, die eine Menge Brunnen geöffnet haben, um das Land zu bewässern, konnte es gelingen, den an und für sich sterilen Schieferboden in ein ergiebiges Gartenland zu verwandeln. Noch erinnern blonde Haare und blaue Augen an die germanische Abkunft der Bewohner, die sich sonst völlig hispanisirt haben. Auch an ihren Namen, obwohl sie mannigfaltig verunstaltet worden sind, kann man den deutschen Ursprung erkennen. Damals lebte noch ein steinalter Mann, aus der Gegend von Mannheim gebürtig, der als zarter Knabe nach Spanien gekommen war. Er hatte einen Kramladen etablirt, erinnerte sich noch dunkel seiner Geburtsstätte und besaß auch noch Reminiscenzen seiner Muttersprache. Sein Deutsch bestand aber aus einem so gräßlichem Gemisch von Spanisch und hispanisirtem Schwäbisch, daß ich es vorzog, mit ihm spanisch zu sprechen. Als ich ein Jahr später auf meiner Reise durch die Sierra Morena nach Carolina zurückkam, wo ich mich mehrere Tage aufhielt, fand ich ihn nicht mehr unter den Lebenden.

In Carolina wurde im Jahre 1808 eine Gräuelthat verübt, die bei dem glühendem Haß, welcher damals in den Herzen der Spanier gegen die Unterdrücker Europas flammte, nicht Wunder nehmen darf. Der französische General Rene nämlich, der in geringer Begleitung nach Madrid reiste, wurde hier von den wüthenden Bauern, deren Franzosenhaß nach den abscheulichen Plünderungen von Cordoba und Jaen den höchsten Grad erreicht hatte, ergriffen und lebendig verbrannt. Ueberhaupt sind während jenes Krieges in den waldigen Schluchten der Sierra Morena, deren Bewohner alle Zugänge dieses breiten Gebirges vertheidigten und einen vernichtenden Guerillakrieg führten, Hunderte von Franzosen geblieben; denn wer von dieser Nation den Bauern in die Hände fiel, w

aus Moritz Willkomm: Zwei Jahre in Spanien und Portugal, 1847

Frühstück gibt es in der Cafeteria meines Hotels, die hat 24 h offen. Ich mag diese Stimmung am Morgen früh, wenn alles noch ruhig ist, es wenig Besucher hat und die meisten etwas übernächtigt daherkommen.

Mit dem Fahrrad bleibe ich nahe der Autobahn, meine Strecke führt heute mehrheitlich auf der Servicestrasse der Autobahn. Es ist wieder herrliches Licht, noch etwas kühl, darum ziehe ich meine Windjacke an.

Bei der Überquerung der Eisenbahnlinie zeigt sich in der Entfernung ein dunkler Hügelzug, das muss die Sierra Morena sein.

Das von Willkomm beschriebene Dorf Visillo konnte ich lange nicht ausfindig machen, bis ich im Artikel Las colonias alemanas de Sierra Morena folgende Bemerkung gelesen habe: „Almuradje]. llamada por el vulgo El Visillo…“

Und Almuradiel ist das erste Dorf auf meiner Strecke. Nach Almuradiel wechselt die Servicestrasse auf die andere Seite, und nach ein paar Kilometern wieder zurück. Hier entfernt sie sich von der Autobahn und klettert durch die Seitentäler mit steilen Rampen. Ich schiebe! Die Landschaft ist wunderbar, mit Laub- und Nadelbäumen und vielen Büschen. Es ist alles sehr trocken.

Ab Venta de Cárdenas bin ich wieder auf der Nebenstrasse. Man hat jetzt einen guten Blick auf Despeñaperros („Hunde werden von einer Klippe geworfen“), die Schlucht, welche die Sierra Morena durchbricht. Sehr gemütlich steigt die fast verkehrsfreie Strasse hinan. Ich überquere die Grenze nach Andalusien. Beim Restaurant Despeñaperros raste ich. Vor dem Restaurant hat es zwei grosse Brunnen, wo einige Leute viele Flaschen abfüllen. Das Restaurant ist wunderschön gelegen, hat freundliche Angestellte und von der Terrasse eine wunderbare Aussicht.

Bald erreiche ich die Passhöhe und die Strasse führt hinunter, tief unter dem Autobahnviadukt hindurch. Dann gibt es einen längeren Aufstieg, bis ich am Schluss über der Autobahn bin und nach Santa Elena gelange, nach Willkomm war das die erste der schwäbischen Kolonien. Jetzt führt eine schmale Strasse durch die parkähnliche Landschaft hinunter, bis ich kurz vor La Carolina wieder auf die Autobahn treffe. Nun sind es nur noch wenige Kilometer zu meinem Hotel. Auf dem Weg dorthin komme ich an einer Garage mit zwei Oldtimern vorbei. Die sind sehr beeindruckend, wirken sie doch wie im Originalzustand.

Nach dem exquisiten Mittagessen spaziere ich in die Stadt. Das Symmetrische, das Willkomm erwähnt, ist offensichtlich, und es hat viele herausgeputzte und auch stattliche Häuser, daneben einige, an denen der Zahn der Zeit nagt.

Ob der heutige Palast der Justiz der von Willkomm erwähnte ist, bin ich nicht sicher, denn er dünkt mich jetzt nicht besonders bemerkenswert. Vielleicht ist das Gebäude neben der Kirche der ursprüngliche Palast? Eine Strasse namens Alameda finde ich nicht, aber es hat eine hübsche Allee, die Calle Real, die zum Paseo del Molino de Viento wird.

Ich gehe Früchte und Wasser für morgen einkaufen.