Das Städtchen Baylen, das wir um 4 Uhr Nachmittags erreichten, liegt schon außerhalb der Sierra Morena und ist der erste ächt andalusische Ort. Buntbemalte Balcongeländer, schwarzäugige Frauen mit frischen Rosen im Haar, die neugierig aus den halbgeöffneten Balconthüren guckten, schöngewachsene Männer in bunter malerischer Tracht und von kecker Haltung, die in lebhaftem Gespräch vor den Pforten der Häuser verkehrten und mit ausdrucksvollen Gebährden ihre spöttelnden Bemerkungen über die Passagiere der Diligence machten; eine hohe Palme, die ihre majestätische Krone stolz zu dem wonnig blauem Himmel emporhob; Alles dies bezeugte mir, daß ich in Andalusien angekommen sei. Baylen wurde am 19. Juli 1808 während der in seiner unmittelbaren Nähe gelieferten Schlacht theilweise von den französischen Kugeln zerstört und hat daher ein frisches freundliches Aeußeres. Der Schauplatz jenes berühmten Kampfes ist das theilweise von Oliven bedeckte Hügelland zwischen dem Städtchen und dem Guadalquivir. Nach zehnstündigem Kampf wurde hier das Heer des Generals Dupont von den Spaniern unter den Befehlen der Generale Castanos und Reding geschlagen und zu der schimpflichen Capitulation von Baylen gezwungen, kraft welcher das ganze französische Heer sammt seinem Führer mit Waffen und Munition kriegsgefangen blieb. Wenn man die ausgezeichnete Stellung der Franzosen auf den olivenbedeckten Höhen zunächst des Guadalquivir und die bei Weitem unvortheilhaftere Position des spanischen Heeres auf den kahlen und niedrigeren Hügeln von Baylen betrachtet, ferner die Ueberlegenheit der krieggewohnten Soldaten der kaiserlichen Armee in Erwägung zieht; so kann man es kaum begreifen, wie Dupont von einem an Zahl geringerem, schlecht equipirtem und erst wenige Wochen früher in Sevilla neugebildetem Heere hat geschlagen werden können. Der Kampf begann früh um 4 Uhr, und nachdem Dupont die spanische Linie dreimal mit gefälltem Bayonnet hatte angreifen lassen, ohne sie brechen zu können, und die spanische Cavallerie ihm den Rückzug abgeschnitten hatte, begann er zu unterhandeln.

In Baylen verließen wir die nach Sevilla führende Hauptstraße und schlugen einem schlechten Fahrweg ein, der durch Oliven – und Eichengehölze in das weite, kahle und unmalerische Thal des Guadalquivir hinabgeht, welchen wir bei Mengibar auf einer Fähre überschritten. Gegenwärtig führt eine im Sommer gebaute Kettenbrücke über den Fluß, der hier noch ziemlich unbedeutend ist und eine schmutziggelbe Farbe besitzt. Unbeschreiblich prachtvoll war der Anblick der hohen mild zerrissenen Felsgebirge von Jaen im purpurviolettem Scheine der hinter den dunkeln Kämmen der Sierra Morena versinkenden Sonne und schneller, als ich bisher beobachtet hatte, überraschte uns nach kurzer Dämmerung die Nacht.

Die Schelle der Cathedrale von Jaen verkündete eben die zehnte Stunde, als unsere Diligence an dem Thore dieses alten maurischen Herrschersitzes hielt. Beim fahlem Licht der Sterne konnte ich blos so viel erkennen, daß die Stadt sich an hohe schroffe Berge anlehnt, an deren Fuß sie sich terrassenförmig emporzieht. Wir waren sämmtlich so todtmüde, daß wir die zwei Stunden Rast bis Mitternacht gern dem Schlafe gewidmet hätten. Aber im Buche des Schicksals war es anders beschlossen, denn kaum hatten wir uns aufs Lager gestreckt, als zahllose Schaaren von Wanzen aus allen Fugen und Ritzen hervorströmten, um ihre Angriffe auf uns zu auszuführen, ein neuer Beweis dafür, daß wir uns in Andalusien befanden. Einer nach dem andern erhob sich fluchend; am meisten aber tobte ein junger Andalusier aus Malaga, welcher sich gebährdete, als wolle er den Wirth mit Haut und Haaren verschlingen. Letzterer hatte bereits im Voraus seine vier Realen von jedem Passagier für das Nachtlager eingefordert, mußte sich aber kleinlaut bequemen, das Geld wieder zurückzuzahlen, da wir uns sämmtlich nicht dazu verstehen wollten, die Wanzenfreude so theuer zu bezahlen. Die Nacht war hell und warm und so zogen wir es vor, die einzige Stunde, die uns noch übrig blieb, auf den Marmorbänken der vor dem Parador befindlichen Promenade zuzubringen.

Hier gab es nun zwar weder Wanzen noch sonstiges Ungeziefer und trotz des etwas harten Lagers würde der Traumgott gesiegt haben; allein nicht lange, so störte uns ein „Sereno“, welcher die Stunde rief. Dies verdroß unsern Malagueño und er verbot dem Kerl das Maul, einen der kräftigsten andalusischen Flüche hinzufügend. Der Nachtwächter fühlte sich dadurch in seiner Amtswürde beleidigt und bemerkte, dies sei keine Schlafstälte für Vagabunden. Das war dem Andalusier zu toll; er nahm den Kerl beim Kragen und prügelte ihn mit seinem eigenem Spieße, machte sich aber ächt andalusisch eiligst aus dem Staube, als der Nachtwächter nach Hülfe rief. Nur mit Mühe und vermittelst eines guten Trinkgeldes gelang es uns, den Mann zu beschwichtigen, daß er nicht ins Horn stieß, was uns die ganze gute Stadt Jaen auf den Hals gebracht haben würde. So waren wir sämmtlich um die Ruhe geprellt, bis auf den Grafen , der mit seiner Familie im Hause eines Freundes abgestiegen war.

Als wir wieder in den Wagen stiegen, saß unser Andalusier schon ganz ruhig darin und schnarchte ganz vergnüglich. Dieser Mensch hatte schon während der ganzen Reise Skandal gemacht. Gleich in Ocana betrank er sich dermaßen, daß er die ganze Nacht hindurch einen entsetzlichen Randal machte und sodann 24 Stunden lang Katzenjammer hatte. In Valdepenas hätte er beinahe Prügel bekommen, weil er sich über einige Arrieros aus Valencia, die valencianisch mit einander verkehrten, lustig machte und ihren Dialekt nachzuäffen begann; und in Carolina war er in Gefahr, von dem Inhaber des Estanco nacional de Tabacos, bei dem er Cigarren kaufte, zur Thüre hinausgeworfen zu werden, weil er sich etwas gar zu derbe Artigkeiten gegen die Frau des Krämers erlaubt hatte.

aus Moritz Willkomm: Zwei Jahre in Spanien und Portugal, 1847

Im Morgenlicht mache ich mich auf den Weg. Die Servicestrasse der Autobahn ist holprig und hat tiefe Löcher, es geht bergab, ich bin ständig am Bremsen. Das wird mit der Zeit anstrengend. Zum Glück geht das nicht sehr weit auf diesem Weg, bei Carboneras führt eine kleine Strasse weg von der Autobahn auf das etwas höher gelegene Plateau (spanisch Mesa). Ein Landarbeiter hält sein Auto an und erkundigt sich nach meiner Radreise. Er ist fasziniert von Velotouren und zeigt mir Filme auf Tiktok, wo andere Radreisende berichten. Er erzählt mir von einer Art Corrida. wo er von einer Kuh auf die Hörner genommen wurde und zeigt seine Wunden und Prellungen. Wenigstens habe ich das so verstanden, dass es eine Kuh und kein Stier war. Die jungen Männer rennen einfach möglichst nahe am Tier vorbei, welches dadurch gereizt wird und sie angreift. Kennt sich jemand aus mit dieser harmlosen Variante des Stierkampfes? Ich erfahre gerne mehr darüber.

Ich fahre durch die Dörfer Mesa, Martin Malo und Guarromán, dann bin ich wieder auf der Servicestrasse. Nach einem Industriegebiet führt meine Route durch eine riesige Olivenplantage, der Weg ist etwas anstrengend zu fahren, aber die Landschaft gefällt mir und ich bin alleine auf weiter Flur. Bailén durchfahre ich auf Nebenstrassen, dann führt die Strasse ins Tal hinunter und über den Fluss Guadiel. Wenig später wird der Guadalquivir überquert, welcher aber ein ärmliches Rinnsal ist. Das muss zu Willkomms Zeiten ganz anders ausgesehen haben, wenn man da mit der Fähre übersetzen konnte. Jetzt geht es in Falllinie hinauf nach Mengíbar, nach dem Dorf mache ich im Schatten eines Bewässerungshauses Mittagspause. Jetzt ist es anständig warm. Ich folge der Autostrasse nach Jaén und finde nach einigem Suchen auch mein Hotel. Ich hatte zwei Routen nach Jaén gespeichert und war mir nicht mehr bewusst, dass ich bei der, welcher ich gefolgt bin, nur Jaén und nicht mein Hotel als Ziel, angegeben hatte.

Auf meinem Zimmer liegt eine Broschüre für Touristen, darin steht auch etwas über die Kolonien, welche ich gestern erwähnt habe:

EIN KÖNIG GEGEN DIE BANDITEN DER KÖNIGSSTRASSE

Mehr als 250 Jahre sind seit der Gründung der neuen Carolina-Städte vergangen, einem der wichtigsten Projekte im Europa der Aufklärung. Carolina, benannt nach Karl III., übernahm die Rolle der Hauptstadt dieses Unternehmens, das die Gründung von 44 Ortschaften und zwei Städten umfasste.

Karl III. glaubte, dass die Ansiedlung von mehr als 6.000 Siedlern, hauptsächlich Deutschen und Flamen, zur Wiederbesiedlung der Sierra Morena dazu beitragen könnte, die Entvölkerung der Region einzudämmen und Banditenausbrüche zu verhindern.

Jeder Siedler erhielt eine gleiche Zuteilung, bestehend aus Land, einem Haus, Gebrauchsgegenständen, Vieh, Getreide und Haushaltswaren, um seine Selbstversorgung zu gewährleisten. Mit Slogans wie „Land der Orangen“ oder „Die Schatztruhe“ erlebten Dutzende von Städten wieder ein reges Leben auf den Straßen, was zu Wohlstand und Modernität führte.

Die Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und unzähligen industriellen Innovationen fand statt.

Die Stadtplanung orientierte sich an aus Europa importierten Entwürfen, die von den neoklassischen Idealen der Einheitlichkeit, Symmetrie und Ordnung geprägt waren.