Eine Fahrt auf dem genfer See bei heiterem sonnigem Wetter gehört zu den größten irdischen Genüssen. Nichts läßt sich mit der prachtvollen blauen Farbe der durchsichtigen Fluthen des Sees vergleichen, die sich unter den Rädern des Dampfschiffes in blendend weißen Schaum auflösen und im Scheine der Sonne wie blauer Atlas schimmern. Man bekommt unwillkürlich Lust, sich in diesen krystallenen Wasserhimmel hinabzustürzen, in dem sich die ernsten Schneehäupter der Alpen und Hunderte von Städten, Dörfern und Landhäusern spiegeln. Vevey und Lausanne floge
aus Moritz Willkomm: Zwei Jahre in Spanien und Portugal, 1847
S. hat für mich feinen Kaffee gekocht, dann verlasse ich meine Unterkunft auf dem urigen Gehöft, wo die Besitzerin eine Baumschule und einen Handel mit Dekorationsartikeln für Floristen, Grosshändler und Gastronomen betreibt. Zudem ist sie ihr riesiges Bauernhaus am Renovieren. Eine Herkulesarbeit!
Der Morgen begrüsst mich mit stürmischem Wind, es ist ein Kraftakt, überhaupt vorwärts zu kommen. Ich fahre nach Baulmes, wo ich auf der Karte eine Bäckerei gefunden habe und freue mich auf ein Frühstück. Leider hat der Bäcker aber gerade Ferien, da wird nichts draus.
Auf der Weiterfahrt gibt mein Velo ein schleifendes Geräusch von sich. Nach einigem Grübeln finde ich heraus, dass sich eine Befestigungsschraube des hinteren Schutzblechs gelöst hat und dieses am Rad streift. Ich muss das Hinterrad abmontieren, die Schraube ist zum Glück noch da, nur der Distanzhalter fehlt. Aber ich kann das Schutzblech wieder richtig montieren.
So ziehe ich weiter und komme an einer Käserei vorbei, wo es auch einen kleinen Laden hat. Ich kaufe für ein Picknick ein, fahre etwas weiter und finde eine Sitzbank für mein Frühstück. Etwa um 11 Uhr fahre ich in Cuarnens an einer Bäckerei vorbei, welche nicht Ferien hat. Man muss die Feste feiern wie sie fallen, darum gibt es hier ein Sandwich und einen Kaffee.
Jetzt bin ich gut gestärkt für meine Weiterfahrt. Der Weg führt den Ausläufern des Jura entlang, geht immer etwas hinauf und hinunter und schon bald geniesse ich die Aussicht auf den Genfer See. Jetzt geht es durch die vielen edlen Dörfer in den Reben, ich sehe einen Wegweiser nach Bugnaux. Dort habe ich vor 50 Jahren auf dem Weg zu einem Probespiel in Genf übernachtet!
Bald bin ich in Frankreich, da entdecke ich auf der linken Strassenseite ein Café, vielleicht haben die auch Glacé? Glück gehabt: ein doppelter Espresso und zwei Kugeln Mövenpickglacé verhindern ein Zuckertief.
Nach 16 Uhr komme ich in Saint-Genis-Pouilly an, wo ich ein Zimmer gebucht habe.
95 km, 1016 Hm